GROSSMEISTER DES SCHULDGEFÜHLS

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Alltagssex und Autokauf, Angst und Amerika: Warum dieses Werk so unvergesslich ist. Zum Tod von John Updike.

Es ist eine Hexe, um die siebzig, einmal geschieden, einmal verwitwet, die hier zu uns spricht: „Seltsamer Weise gibt es auch keine kleinen Städte mehr, nur Einkaufszentren und Bürokomplexe und dazwischen Anlagen für betreutes Wohnen, und nicht einmal Klatsch gibt es noch wie früher, als jeder sexuell noch mehr verdrängt hat.“ Eigentlich gehört diese Stimme jemand anderem, einem, der die Welt sehr genau beobachtet und über sie geschrieben hat, jahrzehntelang, und der nun nicht mehr über sie schreiben wird. Wir hören diese Stimme noch einmal in seinem letzten Roman, seinem epischen Abschied.

„Die Witwen von Eastwick“ erscheint jetzt auf Deutsch. Der Rowohlt Verlag hat den Termin um drei Monate vorgezogen, um noch Nähe herzustellen zu dem Ereignis, das die literarische Welt am 27. Januar 2009 in ihrem Innersten getroffen hat: John Updikes Tod. Er hat hier eine späte Fortsetzung verfasst zu dem 1984 erschienen Roman „Die Hexen von Eastwick“ und lässt darin seine drei magisch begabten Kleinstadtfrauen an den Ort ihrer Schandtaten zurückkehren. Um neues Unheil anzurichten? Nein. Um zu büßen.

Wie die meisten der Bücher, die John Updike in den letzten zehn Jahren geschrieben hat, ist auch dieses erfüllt von einem Unbehagen über die Gegenwart, und wie manches andere, ist es auch etwas müde ausgefallen, überschattet von einem bisweilen lähmenden Gefühl der Fremdheit. Dass diese späte Eintrübung der Qualität überhaupt auffällt, liegt schlicht daran, dass John Updike ein Gesamtwerk hinterlässt, das in seinem Umfang, vor allem aber in seiner inhaltlichen und stilistischen Größe im Grunde ohne Vergleich ist.

1960 hat er „Rabbit“ erfunden, jenen Harry Angstrom, der in „Hasenherz“ zum ersten Mal auftauchte, dann im pünktlichen Abstand von jeweils zehn Jahren wiederkehrte und es insgesamt zu vier Romanen und einem Epilog gebracht hat. Mit dieser Figur hat sich Updike seinen ewigen Platz in der Weltliteratur gesichert, und die Reihe gehört zum Besten, was der realistischen Erzählkunst überhaupt je geglückt ist: Es ist die Lebensgeschichte eines Mannes, der als Junge ein erfolgreicher Sportler gewesen ist, der früh geheiratet, als Setzer und schließlich als Autoverkäufer gearbeitet hat und dabei doch immer vor der Verantwortung davongelaufen ist. In dieser Biographie eines weißen Mittelständlers mit all seinen Vorurteilen, mit seiner Treulosigkeit und seiner Angst vor dem Tod spiegelt sich zugleich in einzigartiger Weise der soziale, politische und weltanschauliche Wandel der Vereinigten Staaten.

Immer wieder hat man Updike dabei vorgehalten, er konzentriere sich zu sehr auf den Naturalismus der ausführlichen Sexszenen. Sein Roman „Ehepaare“ etwa wurde 1968 zum großen Skandal, zur berüchtigten Partnertauschbibel. In einem Interview mit Volker Hage hat Updike all das auf den Punkt gebracht: „Sexualität ist – wie die Religion – ein Weg, um den Schrecken der menschlichen Existenz gewachsen zu sein. Für junge Leute ist das heute alles eine Selbstverständlichkeit, es gehört für sie einfach dazu. In meiner Generation war das noch eine phantastische Sache. Es kam mir geradezu verblüffend vor, dass es so etwas wirklich geben sollte, dass zwei Menschen das miteinander tun konnten.”

So taumeln Updikes Figuren halt- und  ratlos von einem Bett ins andere, nur um am Ende wieder in dem der eigenen Frau aufzuwachen. Chauvinismus hat man das genannt. Und David Foster Wallace hat dazu sehr gescheit bemerkt, Updike sei die Stimme der „vielleicht selbstbezogensten Generation seit Ludwig dem XIV“ gewesen. Dabei wird aber doch die Schonungslosigkeit übersehen, mit der er seine Figuren in ihrer Kümmerlichkeit enttarnt. Seine literarischen Bettexzesse sind obszön, sie sind lyrisch und enthusiastisch – und sie sind umlagert von genauester Analyse des Scheiterns, der vergeblichen Ausbrüche, des kläglichen Versagens.

Updikes eigenes Leben ist nicht spektakulär verlaufen, und die größte Sensation darin ist es wohl gewesen, dass er den Nobelpreis nicht bekommen hat, für den er unentwegt vorgeschlagen wurde. Geboren 1932, ist er auf einer Farm in Pennsylvania in finanziell sehr eingeschränkten Verhältnissen aufgewachsen. Der Aufstieg zum Erfolgsschriftsteller ist ihm dann sehr leicht gefallen, weil er schon 1955 eine erste Kurzgeschichte beim „New Yorker“ unterbringen konnte. Seitdem hat er unentwegt fantastisch kluge Erzählungen, pointierte Essays, Literaturkritiken und 23 Romane geschrieben. Geschöpft hat der auffallend große Mann mit der markanten Nase und den wissenden Augen dabei im Grunde immer nur aus dem Allerintimsten, wie er zugeben musste: „Eltern, Ehefrauen, Kinder – je näher und lieber sie einem sind, desto gnadenloser werden sie vorgeführt. So hat meine Kunst, ebenso wie mein Glaube, eine schäbige Seite.“

Der Ehebruch ist dementsprechend nur deshalb sein bevorzugtes Thema gewesen, weil er die beste Möglichkeit bietet, über die fragile Belastbarkeit von Familien zu schreiben, über Zusammenhalt, über Trennung – und unentrinnbare Gewissensbisse. Nein, eigentlich handeln seine Bücher nicht von Sex, sondern von bohrendem Schuldgefühl. Seine Helden sind alle davon getrieben. Harry Angstrom ebenso wie die anderen Fremdgeher, die Söhne, die sich von ihren Eltern abwenden, weil sie deren Sterben nicht mit ansehen wollen, ebenso wie die Hexen von Eastwick, weil sie ihre Nebenbuhlerin töten. In „Rabbit – eine Rückkehr“ heißt es einmal: „Wenn du mitten in der Nacht aufwachst, liegt Schuld in der Luft, eine quälende Ahnung, dass alles eine Spur unrichtig ist, unrecht – du bist im Unrecht und die Welt auch, als ob Dunkelheit eine Art Licht sei, das uns den Abgrund sehen lässt, in den wir gleich stürzen werden.“

Vielleicht hat kein anderer Autor im späten 20. Jahrhundert so geistreich, so sprachschön, so ironisch abgeklärt und doch so selenwund und angstgetrieben die Tradition der großen Realisten fortgeführt und die Erforschung der eigenen Seele mit der Darstellung von Alltag, von Gesellschaft und dem Grübeln über letzte Dinge verbunden. (Niemand, sicher nicht Richard Ford und auch nicht Phillip Roth, hat ihm hier je das Wasser reichen können.)

Updikes Allerwelts-Amerika ist ein Ort, wo zwischen zerwühlten Laken und am Frühstückstisch, im Supermarkt und im Autohaus nach dem Sinn gesucht wird, nach Gott oder doch wenigstens nach einem Moment des körperlichen Vergessens. Updike hat seine Figuren auf unheimliche Weise verstanden, er hat ihre Grenzüberschreitungen schreibend durchlitten. Aber all die psychologische Durchdringungskunst seiner meisterhaften Prosa basiert eben auf dem geteilten Gefühl der Schuld. Vielleicht ist es das, was Updike an der nicht mehr nach Vergebung verlangenden Gegenwart so sehr bekümmert hat. Die Hexe sagt es ja in seinem letzten Roman, spricht mit dieser vertrauten Stimme, die wir so schmerzlich vermissen werden: „Da trauern alle lauthals über den Tod Gottes; mich dagegen bekümmert viel mehr der Tod der Sünde. Ohne Sünde sind Menschen keine Menschen mehr.“

(c) 2009 André Mumot – „Bücher“ April/Mai 2009 mit freundlicher Genehmigung