BUDDENBROOKS IM KINO – BERBEN IM INTERVIEW

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Berlin ist für sie immer noch die aufregendste Stadt Deutschlands. „Aber“, sagt Iris Berben, „in Berlin musst du dich anstrengen, und Berlin strengt an.“ Vielleicht lässt sie deshalb die lärmende Betriebsamkeit der Friedrichstraße hinter sich und schlägt die kleine Bar eines exklusiven Hotels am Gendarmenmarkt als Ort des Gesprächs vor. Das passt zum historischen Thema: Schweres Holz und schwere Teppiche dämpfen jeden Laut, Iris Berben, die von einem Termin zum anderen jagt, lässt sich auf eine Antiquität aus rotem Leder fallen. Sie hat wenig Zeit – sagt sie.

Heinrich Breloer kennt Thomas Mann und sein Werk so genau – hat er als Regisseur der „Buddenbrooks“ Ihnen überhaupt genug Freiraum gelassen?

Ich habe mich bei ihm sehr aufgehoben gefühlt – gerade weil er so eine genaue Vorstellung hat. Er ist kein klassischer Schauspielregisseur, aber gerade das hat es für uns alle sehr spannend gemacht. Das Ergebnis ist natürlich sein ganz eigener Bogen durch den Roman, es beruht auf seinen Kürzungen. Wir Schauspieler haben natürlich immer nachgelesen, um zu sehen, was den Szenen voraus geht und wohin sie führen. Und haben dann versucht, das Existentielle aus den Figuren herausholen.

Ihre Figur, die Konsulin Buddenbrook, ist eine sehr kontrollierte Frau, auch eine sehr religiöse Frau, die immer die Fassung bewahrt.

Aber sie ist auch schwach, weil sie nicht in der Lage ist, Schwäche zuzulassen. Sie ist eben mit der Familie verbandelt, und sie ist eingezwängt in das Korsett der Zeit. Die Kraft auszubrechen, hat sie nicht gehabt. Sie hat jedoch eine ungeheure Kraft gehabt, ihre Familie zusammenzuhalten, sie hat die Kraft gehabt, diese Familie nach außen zu repräsentieren. Für mich ist ihre ganze Frömmigkeit auch ein Schutzmechanismus. Wenn sie spürt, dass etwas falsch oder heikel ist, sind Kirche, Gebete, Gesang ein Hort der Rettung für sie. So habe ich diese Figur verstanden.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen Rollen lieber sind, die weit von Ihnen entfernt sind. Insofern muss die Konsulin eine ideale Herausforderung gewesen sein.

Auf jeden Fall ist es eine Herausforderung, in eine Zeit einzutreten, die wir nur noch aus Büchern kennen. Ich merke nur, je älter ich werde, dass man all das nicht voneinander abtrennen kann. Wir sind ja immer auch das Produkt einer Zeit, die vor uns war. Aber der springende Punkt ist, dass wir heute mit unserer eigenen Lebenseinstellung diese Figuren beurteilen – und manchmal auch verurteilen.

Ist das nicht die grundsätzliche Gefahr bei Historienfilmen, dass sie zu sehr versuchen, Figuren und Themen zu aktualisieren, um sie ans Publikum zu bringen?

Genau das ist die Schwierigkeit. Die allererste Vorgabe ist, nicht das Kostüm zu spielen, aber trotzdem zu versuchen, einen Film für heute zu machen.

Sie müssen in Ihrer Rolle stark altern und schließlich eine Sterbeszene spielen, in der sie ausgezehrt und mit weißen Haaren kaum wiederzuerkennen sind. Es muss bedrückend sein, den eigenen Tod so realistisch darstellen zu müssen.

Zuerst sieht man so etwas professionell, man versucht der Sache gerecht zu werden. Für die Konsulin war dieses elendige, erstickende Sterben, umgeben von ihren Kindern, eine demütigende Sache. Aber dann  hat das natürlich noch einen anderen Aspekt, der damit zu tun hat, dass man selber älter wird. Ich bin 58 – man liest jetzt schon in Artikeln: „Sie ist ja bald 60.“ Ja! Das sind bloß Zahlen, aber trotzdem markieren sie etwas, sie grenzen etwas ein. Natürlich beschäftigt man sich damit, aber viel weniger beim Drehen, als später, wenn man alleine ist. Ich grenze den Tod und die Endlichkeit aus meinem Leben sowieso nicht aus.

Aber Sie strahlen derart viel Vitalität und Kraft aus, dass Breloers Wahl mutig finden kann.

Als er mir die Konsulin vorschlug, war er ganz vorsichtig. „Ja wissen Sie, in dieser Rolle werden Sie auch sehr alt …“ Ich sagte: „Ja – und?“ – „Ja, würden Sie das denn trotzdem spielen?“ Und ich sagte: „Ja!!!“ So etwas wünscht man sich doch – man wünscht sich immer das, was weit weg ist und woanders.

Ja, sie ist weit weg, die steife Konsulin. Iris Berben hat ihren Mantel über die Sofalehne geworfen, trägt Jeans und Brille, hat die Haare hochgesteckt. Tatsächlich macht sie genau den alterslosen Eindruck, der ihr als etwas lästiges Markenzeichen anhaftet. Aber womöglich liegt das vor allem an ihrer Intensität. Sie spricht leise, aber ihre Augen blitzen.

Heinrich Breloer hat gesagt, dass er den Untergang der Buddenbrooks auch der Modernisierung des Unternehmertums und der Globalisierung zuschreibt, und darin den eigentlichen Gegenwartsbezug sieht.

Wir haben uns beim Dreh intensiv damit auseinander gesetzt. Wir haben ja Jahrzehnte hinter uns, in denen man in einer ungeheuren Geschwindigkeit Dinge über Bord geworfen hat – bis  hin zu Gefühlen, denn immer wurde die Einstellung vermittelt: Wenn du das oder den nicht willst, nimm einfach das nächste. Wie in einem großen Selbstbedienungsladen. Wir haben uns überlegt, an welchen Tradition man festhalten sollte. Was bereichert uns, was ist für unsere Identität wichtig? Diesen vielen mittelständischen Betriebe, die über Generationen weitergeführt wurden, wird oft etwas übergestülpt, was ihnen ihre Identität nimmt. Und tatsächlich lautet die entscheidende Frage: Wie geht man da mit Würde durch, wie bleibt man da anständig?

Es fehlt heute ein Ethos, das die alten Buddenbrooks repräsentierten, ein Anstand in der Geschäftswelt?

Ich glaube schon.

Die Pointe bei Thomas Mann ist aber, dass sie genau damit scheitern.

Stimmt. Bei den Alten – auch gerade bei der Konsulin – liegt es aber auch daran, dass sie immer den äußeren Schein wahren wollen, dass sie ihren Kindern etwas aufbürden, was diese nicht tragen können. Aber tragisch ist das.

Wie war das noch mit der knappen Zeit? Iris Berben sitzt auf der sprichwörtlichen Sofakante, ist ganz in ihrem Element. Es sieht so aus, als würde der träge Barbetrieb um uns herum auf einem anderen Planeten stattfinden. Dass die Berben sich gern einmischt, weiß man, wie wichtig ihr die Literatur ist, nicht unbedingt. Und bringt man dieses Thema zur Sprache, lehnt sie sich zurück und nimmt lächelnd einen ausgiebigen Schluck von ihrem schwarzen Tee mit Honig.

Die Engländer verfilmen ihre Literaturklassiker alle paar Jahre neu – bei uns kommt das bislang selten vor. Scheinbar fürchten viele Zuschauer sich zu langweilen, und Kritiker beklagen oft, die Qualität der Originale ginge bei der Adaption verloren. Wo sehen Sie den Wert einer Verfilmung der „Buddenbrooks“?

Vielleicht kann sie Menschen überhaupt dazu bringen, die Berührungsängste zu verlieren, die sie haben, wenn sie die Worte Weltliteratur, Klassiker, Nobelpreisträger, Bildungsbürgertum hören. Ich halte es für wichtig, Zugänge zu schaffen, die Menschen zu sensibilisieren, damit sie ihre Hemmschwelle verlieren. Vielleicht kann man gerade im Kino die Leute dazu verführen, beim Lesen zuhause ihre eigene visuelle Welt entstehen zu lassen. Dieser Prozess erfordert Behutsamkeit, man kann ihn nicht verordnen. Und man muss Tricks finden.

Gutes Fernsehen wäre eine Möglichkeit.

Allerdings. Und im Fernsehspielbereich haben wir in Deutschland auch eine sehr hohe Qualität.

Dann finden Sie die von Marcel Reich-Ranicki angestoßene Debatte zu hysterisch?

(greift energisch in die Keksdose) Ich werde Ihnen jetzt mal mal was sagen:  Reich-Ranicki hat auf eine wunderbare, befreiende, unendlich laute Weise eine Diskussion losgetreten. Die ist sehr weit ausgeufert – aber anders wird man doch nicht mehr gehört! Was mich geärgert hat, war die anschließende Relativierung. Er hat doch das ausgesprochen, was auch ein großer Teil der Leute denkt, die selber Fernsehen und Filme machen. Was mir vor allem gefällt, ist, dass er das an einem Ort getan hat, wo immer alles so geordnet und berechenbar ist. Ausgerechnet da bricht jetzt mal einer aus – wie wunderbar! Das ist doch auch Teil unserer Kreativität, dass wir nicht immer bei allem mitspielen! Gut, ich sitze auch hier, weil ich einen Film promote, aber dabei muss man immer lauter werden. Eigentlich geht es immer nur um die Verpackung – glauben Sie nicht, dass ich solche Interviews wie dieses hier oft führe!

Für Ihre Lesungen gegen das Vergessen des Holocaust suchen Sie regelmäßig neue Texte, Sie müssen unentwegt Drehbücher prüfen und Texte lernen. Haben Sie überhaupt Zeit, um Bücher zum Vergnügen zu lesen?

Ich habe hier in Berlin eine große Bibliothek in meiner Wohnung, genauso in München. Ich lese immer am Abend, bevor ich einschlafe – immer! An meinem Bett stapeln sich die Bücher.

Was liegt gerade obenauf?

„Schmerz“ von Marguerite Duras. Leider immer nur wenige Seiten. Aber wenn ich in eine Buchhandlung gehe und jemandem ein Buch kaufe, dann kaufe ich mir das Buch auch – grundsätzlich. Das ist wie ein Zwang. Ich kann Stunden dort verbringen. Wenn ich nicht Schauspielerin geworden wäre, dann Bibliothekarin. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, dass man in dem Beruf alle Bücher lesen kann, die es überhaupt gibt. Gerade wenn ich an mir zweifle oder unsicher bin, ist Lesen für mich ganz, ganz wichtig.

Andere zweifeln nicht an Ihnen. Sie haben kürzlich den Grimme Preis bekommen für …

(unterbricht lachend und zuckt fassungslos mit den Schultern) für mein Lebenswerk!

Genau. Für Ihre Verdienste um das deutsche Fernsehen. Fast gleichzeitig hat man Ihnen den Preis für die bestangezogene Frau des Jahres 2008 verliehen. Verraten Sie uns noch, wie man das hinkriegt?

Ich ziehe das doch gar nicht an mich heran! Ich bin es doch nicht, die schreit: Krieg ich jetzt mal bitte ’nen Preis? Ich freue mich einfach. Aber so komplex ist doch auch das Leben, oder nicht? Und so komplex sind auch die meisten Menschen. Das hoffe ich jedenfalls sehr.

(c) 2009 André Mumot – „Bücher“ Jan/Feb 2009 mit freundlicher Genehmigung